Er trat an als Retter Italiens, doch nach sechs Monaten im Amt hat Mario Monti einen schweren Stand. Der Premier muss um die kleinsten Reformschritte hart kämpfen, das Land kommt nicht voran. Montis Krampf zeigt das Dilemma der Euro-Krise.
spiegel.de 19-05-2012 Selbst ein Krisengipfel dürfte für ihn zur Zeit eine schöne Abwechslung sein. Italiens Premier Mario Monti hat unter den Staats- und Regierungschefs der G8, die sich bis Samstag in Camp David treffen, treue Anhänger. US-Präsident Barack Obama versicherte ihm noch am Mittwoch am Telefon seiner Wertschätzung. Angela Merkel respektiert Monti. Frankreichs neuer Präsident François Hollande steht ihm näher als die deutsche Bundeskanzlerin, wenn es um die Krisenbekämpfung geht.
Keine Frage, im Ausland genießt Monti Hochachtung. Zu Hause in Italien sieht das mittlerweile etwas anders aus. Der Premierminister, der seit sechs Monaten im Amt ist, verliert immer mehr an Zustimmung. Laut der Umfrage des Fernsehsenders Rai sank sein Rückhalt von 77 Prozent im November bis Ende April auf 40 Prozent. Bei seinem Reformkurs kam der Wirtschaftsprofessor zuletzt kaum voran: Die Gewerkschaften bremsen, die Unternehmer drängeln, die Parteien schwanken in ihrer Unterstützung.
Schon sagte man ihm Amtsmüdigkeit nach, so dass er vergangene Woche in einem Schreiben an Staatspräsident Giorgio Napolitano betonten musste: “Ich mache bis 2013 weiter.” Doch vom Elan der ersten Amtswochen ist wenig geblieben. In Montis Krampf mit den Reformen zeigt sich das Dilemma der europäischen Schulden- und Wirtschaftskrise: Die krisengeplagten Länder müssen sparen, aber gleichzeitig für Wachstum sorgen. Selbst Hoffnungsträger Monti droht daran zu scheitern.
Dabei war Monti fulminant ins Amt gestartet, schleuste schnell ein 20-Milliarden-Euro-Programm durchs Parlament, stellte das Vertrauen in sein krisengeplagtes Land nach dem Abgang von Skandalpremier Silvio Berlusconi binnen weniger Wochen wieder her. Monti führte die Immobiliensteuer wieder ein, erhöhte Abgaben auf Benzin und Diesel, schuf eine Steuer auf Aktiendepots. Er schickte die Steuerfahnder in die Skiorte und Einkaufsstraßen. Damit sollte das Defizit gedrückt werden.
Doch Montis Programm bedeutet bis heute vor allem: Abgaben rauf. Bei eigenen Einsparungen sieht es immer noch mau aus, der üppig ausgestattete Politikbetrieb widersetzte sich erfolgreich schmerzhaften Einschnitten. Die Europäische Zentralbank, die Italien im Sommer einen Reformkurs diktierte, kritisierte, dass zu viele Steuern erhöht worden sind.
“Monti sind die Alibis ausgegangen”
Das Problem ist das Wachstum. In Europa drängt Monti zum Verdruss der Bundeskanzlerin auf Konjunkturpakete zur Krisenbekämpfung – er selbst ist in Italien bislang an der Wachstumsfrage gescheitert. Bis März wollte sein Technokratenkabinett eine große Arbeitsmarktreform durchbringen, den Kündigungsschutz lockern, damit wieder neue reguläre Jobs entstehen. Experten sind sich darin einig, dass Italiens Wirtschaft unter einem überregulierten System leidet.
Doch die geplanten Liberalisierungen treffen auf erbitterten Widerstand. Um den zentralen Punkt, den Artikel 18, der Arbeiter vor Entlassung schützt, wird seit Januar erbittert gestritten. Es geht kaum voran. Gewerkschaften fürchten die Lockerung, die Wirtschaft verliert auf der anderen Seite die Geduld: “Monti sind die Alibis ausgegangen”, titelte die Wirtschaftszeitung “Il Sole 24 Ore” vergangene Woche.
Was die konjunkturelle Lage angeht, hagelt es derweil schlechte Nachrichten: Diese Woche verkündete Montis Regierung, die Rezession werde schlimmer als befürchtet ausfallen. Das Bruttoinlandsprodukt wird dieses Jahr wohl um 1,2 Prozent schrumpfen. Die zentrale Vorgabe der EZB – ein ausgeglichener Staatshaushalt im Jahr 2013 – wird Italien nicht erreichen, teilte die Regierung mit. Mit dem Rückfall in die Rezession begründete die Rating-Agentur Moody’s Anfang der Woche die Herabstufung 26 italienischer Banken, darunter Branchengröße UniCredit.
Dabei ist Besserung dringend nötig, die Grunddaten der italienischen Misere sind dramatisch: Die Staatsverschuldung liegt bei 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukt, die Jugendarbeitslosigkeit bei über 30 Prozent. Wirtschaftsminister Corrado Passera warnte kürzlich, die reale Situation sei schlimmer als die Statistiken. Er fürchte um den sozialen Zusammenhalt, jeder zweite Italiener sei von der Krise betroffen.
“Krisen-Selbstmorde”, Bombendrohungen gegen Monti
Und die sozialen Folgen der Dauerkrise setzen mittlerweile der Monti-Regierung zu. Massenproteste wie in Griechenland oder Spanien gab es in Italien bislang nicht. Doch zuletzt schockierte eine Serie von Selbstmorden das Land. Ein 60 Jahre alter Unternehmer erhängte sich bei Mailand, mehrere Handwerker nahmen sich das Leben. In Bologna verbrannte sich ein Maurer vor der Steuerbehörde.
Die Serie wurde in Verbindung zur wirtschaftlichen Misere des Landes gesetzt, Italiens Medien sprechen von “Krisen-Selbstmorden”. Monti musste gar erklären, dass er sich nicht für die Todesfälle verantwortlich fühle. Dann gab es einen Bombenanschlag auf eine Steuereinzugsbehörde in Livorno, eine Anarchistengruppe drohte auch Monti persönlich mit einem Attentat.
Der als Hoffnungsträger angetretene Wirtschaftsprofessor ist in der Defensive.
Auch die Parteien, die Montis Technokratenkabinett unterstützen, werden nervös. Die Berlusconi-Partei “Volk der Freiheit”, verlor bei Kommunalwahlen Anfang Mai dramatisch. Der wahre Wahlgewinner war eine Bewegung des Komikers und Bloggers Beppe Grillo, die im Norden aus dem Stand Ergebnisse über zehn Prozent holte.
Grillos Bewegung wütet gegen das politische Establishment. Der 63-jährige Blogger teilt gegen die Krisenpolitik der EU aus, gegen die Europäischen Zentralbank und am meisten gegen die Technokratenriege rund um Monti, den er als tumben Buchhalter verunglimpft.
Was dem Professor den Respekt der internationalen Amtskollegen einbringt, stößt auf immer mehr Widerstand daheim. Am Sonntag läuft die zweite Runde der Kommunalwahlen, in der Industriestadt Parma könnte die Anti-Establishment-Bewegung Grillos erstmals den Bürgermeister stellen. …ein Auszug aus einem Artikel des SPON : http://bit.ly/JYdaWB
