CDU Bundespräsident Wulff

fr-online.de 7-1-2012 | Liebes “in Amt und Würden”! Im Gleichschritt wurde der Würdenträger entkleidet. Bleibt der Nackte im Amt, wäre alles umsonst gewesen.
Jemand übt sein Amt aus. So sagt man. Man spricht vom Üben, weil niemand recht weiß, wie es geht. Man hat allenfalls Vorgänger, vielleicht, wenn man Glück hat, ist darunter einer, der als Vorbild taugt. Meist war das Vorbild beliebt. Die Beliebten und die Rechtschaffenen, das sind zweierlei.

Zweifel. Nichts ist offenbar so wenig gefragt wie der Zweifel, der Taumel, die Unsicherheit. Ein Land, das sich in Angst und Sorge vor Vermögensverlust nach einem starken Führer sehnt, kann kein Land sein, das unbestechlich ist. Der unbestechliche Blick, das unbestechliche Urteil benötigt keine Führer.

Richtig und falsch. Jemand kann nach allen Regeln des Gesetzes handeln und dennoch wird sein Handeln als Verrat empfunden. Einer übt sein Amt aus und handelt allzu menschlich. Auch das kommt vor. Das Volksempfinden aber ist außer sich. Das Volksempfinden wurde jahrzehntelang geschult. Das Volk vertraut sich jeden Morgen millionenfach einer Zeitung an, die auf Seite 1 sexistisch, rassistisch, aufdringlich, niedrig Nachrichten konstruiert. Die Nachricht muss immer ein paar Grad heißer sein als die Wahrheit. Die Information ist eine Ware. Der Wert der Ware wird jeden Morgen an die Gefühlswelt seiner Macher gekoppelt.
Das Urteil. Die besagte Zeitung hat soviel Dreck am Stecken, dass man sich fragt: Was taugt ihre Bewertung? Mehr noch: Was taugt das Urteil einer Leserschaft, das sich sein Urteil jeden Morgen diktieren lässt?

Jemand übe sein Amt nicht richtig aus, steht da oft. Man sagt ja auch, einen Posten bekleiden. Die Nation ist gierig auf Haltung und Contenance bei der Verkleidung der Posten und kauft sich morgens für ein paar Groschen ein Blatt, das in der Schlagzeile anprangert, dass einer sein Amt nicht richtig bekleide und weiter unten auf der gleichen Seite entkleidet es tagtäglich eine Frau, die dümmlich schaut zum Zwecke der anregenden Wirkungsabsicht. Was ist ein solches vernebeltes, vernippeltes Urteil wert?

Wenn das Kapital in Gefahr ist, steigt das Bedürfnis nach Anstand, Sitte und Gerechtigkeit. Das Volksmaul meint, das Geld vernichte die Werte. Dabei gerät den Menschen ihr Anstand nicht immer durch ihr Vermögen abhanden. Bei manchen war die Abwesenheit von Anstand die Bedingung für exorbitante Vermögensanhäufung.
Kommen wir endlich zur Würde. Würde hat man nicht, sie wird einem gegeben. Stellt dir einer deinen Wert in Abrede, tastet deine Würde an, dann bist du verloren.

Andere Sprachen formulieren den Vorgang des In-Amt-und-Würden-seins deutlich bescheidener: „to hold office“, um nur ein Beispiel zu nennen. Das offenbart keine Volkslust wie hierzulande, von Amts wegen dominiert werden zu wollen. Unserer Nation reicht es natürlich nie, dem Würdenträgers einfach zuzuhören; eine solche Nation vermisst schmerzlich die eine ultimative, wegweisende Rede, eine Leitrede voller Leitgedanken. Eine solche Nation müsste in Zeiten wie diesen vor Freude geradezu ausflippen. Alle, wirklich alle, schreiben und drucken im Gleichschritt. Gemeinsam wurde der Würdenträger entkleidet. Vorneweg die eine Zeitung, die mit der täglichen Entgleisung.

Die Würde ist längst futsch. Bleibt der Nackte im Amt, wäre alles umsonst gewesen. Jetzt geht es um mehr. Jetzt geht es um die Ehre aller Beteiligten. … ein Auszug aus einem online Kommentar der FR (Frankfurter Rundschau) : http://bit.ly/zBEg9M

Zum gleichen Thema: Christian Wulff ist Merkels Problem.

Ein Rücktritt ihres Präsidenten wäre kein Unglück für Merkel … ein Auszug aus eienm Kommentar von Ulrich Schulte in der taz : http://bit.ly/AjXBq9

Christian Wulff ist Merkels Problem. Mit dieser Deutung versuchen SPD und Grüne im Moment, die Kampflinie in der Präsidentenaffäre zu verschieben. Um es gleich zu sagen: Die Opposition hat recht. Natürlich ist Wulff Merkels Präsident, sie hat den parteiinternen Konkurrenten und abgebrühten Politikprofi aus durchschaubaren Motiven ins Amt gehoben – und sich damit verkalkuliert.

Die Affäre birgt für sie vor allem eine Gefahr. Wulffs Verhalten zielt aufs Selbstverständnis der Christdemokraten. Der Präsident führt Werte ad absurdum, die der Konservatismus gerne gepflegt sehen will: Anstand, Aufrichtigkeit und Rückgrat.

Indem Wulff tagtäglich beweist, wie wenig sie ihm bedeuten, entlarvt er zugleich die kühle Rechnung der Kanzlerin. Merkel mag seine Kapriolen verabscheuen, aber sie stützt Wulff weiter, aus rein machttaktischen Erwägungen heraus. Ebenso verhielt sie sich bei Karl-Theodor zu Guttenberg, dem zweiten Vorzeige-Konservativen, der sich als Hochstapler erwies.
Hier liegt ein Problem für die Kanzlerin, die auch den programmatischen Kurs der Partei biegsam den Realitäten anpasst: Teile des CDU-Milieus werden ihren Kurs und ihre Personalpolitik ablehnen und 2013 zu Hause bleiben.

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