FDP: Die verwirrte Partei

handelsblatt.de 15-12-2011. Der Rücktritt von Generalsekretär Christian Lindner erschüttert die FDP. Zurück bleibt eine Partei, die das Land schon deshalb nicht führen kann, weil sie nach sich selbst sucht.

Ein Nachruf auf die Regierungspartei FDP

Den Rücktritt von FDP-Chef Philipp Rösler braucht man nicht zu fordern. Der kommt so sicher wie Heiligabend.
Der junge Mann hat sich verhoben. Er ist nicht der, als der er sich ausgibt. Schon die drei Titel, die er trägt – Parteivorsitzender, Wirtschaftsminister und Vizekanzler –, muss man eigentlich, wie früher das Wort „DDR“, in Anführungszeichen schreiben.
Rösler führt die FDP nicht, und er ist nicht der erste Mann hinter der Kanzlerin. Er ist bestenfalls ein Vizekanzler im Praktikum, nett, höflich, fähig zu lernen und auch fähig zur Selbstironie, aber eben nicht befähigt zu führen. Nie war die FDP so harmlos wie heute.
Rösler hat sich in eine Rolle bugsieren lassen, für die ihm nun der Text fehlt. So steht er vor uns auf dem Marktplatz der Politik, sein Hofstaat redet ihm zwar weiter ein, das majestätische Gewand würde ihm ganz vorzüglich stehen. Dabei sieht es doch jedes Kind: Dieser FDP-Kaiser steht nackt da. Seine Reden sind begründungsleer, seine Überzeugungen weitgehend simuliert. Schwerkraft kann man nicht lernen.

Das Verdienst der Entzauberung gebührt dem zurückgetretenen Generalsekretär Christian Lindner. Seine Tat war nichts Geringeres als ein Anschlag auf die liberale Selbstmaskerade der vergangenen Monate. Er machte sichtbar, dass da nichts zu sehen ist. Spitzbübisch, wie er ist, sprach Lindner gestern von einer „neuen Dynamik“, die er mit seinem Schritt ermöglichen wolle.

Die Idee des Liberalismus hat Besseres verdient

Wenn einer eine Idee vom künftigen Liberalismus in sich trug, dann Lindner. Der Jüngere war in diesem Fall der Klügere. Er hat an zwei Chefs studieren dürfen, wie es nicht geht.
Chef Nummer eins – Guido Westerwelle – besaß den Willen zur Macht und wusste an dem Tag, als er sie mit triumphalen 15 Prozent in den Händen hielt, nichts mit ihr anzufangen.
Chef Nummer zwei – Rösler – besitzt kein ausgeprägtes Machtgen, weshalb die fehlende Idee hier nicht so auffällt. Die Verwunderung über sein Chefsein ist beim Publikum immer größer als die Verwunderung über seine wechselnden politischen Botschaften.
Wenn hier Zorn mitschwingt, dann nicht, weil die Figur Rösler dazu verführen würde. Das tut sie nicht. Nicht einmal das.

Aber die Idee des Liberalismus hat Besseres verdient als diese verwirrte Partei. In Zeiten, wo Schulden mit Schulden bekämpft werden, wo Europa als demokratiefreie Zone neu verhandelt wird, wo die Schuldnerstaaten ihre Gläubigerbanken beschimpfen, wo Inflation im großen Maßstab geplant oder zumindest in Kauf genommen wird, wo die Marktwirtschaft ihre Freunde zu verlieren droht, wo die Privatsphäre zur Ware der amerikanischen Internetkonzerne wird – da wünscht man sich einen organisierten Liberalismus, der mehr zuwege bringt als die öffentliche Selbstverletzung.

… ein Auszug aus einem Kommentar: Die verwirrte Partei  im Handelsblatt online: http://bit.ly/tnAq65

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