Euro-Rettung & Klagen

Europäer, hört auf zu heulen: Die Klage über die Euro-Rettung und den Untergang Europas beginnt, gehörig zu nerven. Ein Versuch, die Rettungsgeschichte umzudeuten von Horst von Buttlar bei FTD als online Artikel, hier ein Auszug: …

Angeblich soll dieser Satz nie gefallen sein, aber unterstellen wir mal, dass Helmut Kohl ihn zumindest gedacht hat: “Die macht mir mein Europa kaputt.” Mit “die” war Angela Merkel gemeint, sein Mädchen, die einfach nicht so groß und visionär sein will wie ihr einstiger Ziehvater.
Interessant ist vor allem das Possessivpronomen: “mein”. Nicht “unser” Europa. Es klingt wie ein Kind, dessen Sandburg zerstört wird. Und es schimmert jene problematische Haltung durch, dass viele Großeuropäer das Projekt tatsächlich als ihres betrachten, während sich Millionen von Menschen über die Jahre von der Idee entfremdet haben.
Alle klagen über dieses Europa, das gerettet werden muss und zerstört wird, die Urväter und Urgesteine aus Brüssel, und es ist höchste Zeit zu hinterfragen, was wir genau beklagen und ob dieses Gejammer überhaupt gerechtfertigt ist.
Ja, dieses Europa hat seine Ikonen und Visionen, die großen Männer, Robert Schuman, Jean Monnet, Konrad Adenauer, Valéry Giscard d’Estaing, Helmut Schmidt, Helmut Kohl – und wir alle haben sie in Schulbüchern angeschaut und gespürt, dass dieses Europa wichtig und historisch ist.
Dieses Europa, das nun gerettet werden muss, wird aber auch heillos verklärt. Es gab doch auch diese Frau mit Handtasche, die keifte: “I want my money back.” Das Europa, in dem Deutschland sich ständig über seine hohen Nettozahlungen beschwert. Das Europa von Nizza oder Lissabon, ein Europa mit müden, zähen Gipfeln, bei denen tagelang wie auf einem Basar um Posten und Proporz geschachert wurde. Und am Ende alle unzufrieden waren, weil es wieder keinen Fortschritt gab, weil die Franzosen nicht kleiner als Deutschland sein wollten, die Briten eh dagegen und die Polen schon bei der Anreise beleidigt waren. Immer hieß es, Europa sei am Ende, wenn es keinen neuen Vertrag gebe. War es aber trotzdem nicht.
Aus den Schulbüchern haben wir auch jene Periode in den 70ern und frühen 80ern gelernt, die als “Eurosklerose” bezeichnet wird, eine Dekade des Stillstands und Streits, wir wuchsen mit Milchseen und Butterbergen auf, mit Korruption, Sprachenwirrwarr, Gehälter- und Umzugswahnsinn. Das war, mit Verlaub, nicht inspirierend. Aber um dieses Europa geht es nicht, nein, es geht um das “Friedensprojekt”, das irgendwo mumifiziert im Raume schwebt.
Europa wird angeblich zerstört, weil die Regierungschefs, allen voran Angela Merkel, den Euro nicht schnell und entschlossen genug retten. Das aber ist unfair, müssen doch die Euro-Retter nur ausbaden, was andere vor über zehn Jahren vergeigt haben. Damals wurde bei der Konstruktion der Währungsunion ein grober Fehler begangen, weil alle blind waren und jene Warnungen ignorierten, die jeder hören konnte: dass der Euro ohne politische Union scheitern wird. Dass Griechenland nicht reif für die Währungsunion ist. Nun haben wir den Salat. Viele aber, die damals Verantwortung trugen, klagen heute über den Untergang.
Eine zweite Frage schließt sich an: Trägt dieser Mythos vom Frieden überhaupt noch? Einerseits ja, natürlich, er ist der Gründungsmythos der EU. Die deutsch-französische Aussöhnung wurde in die DNA dieses Projekts geschrieben. Doch wir haben ein kleines Problem: Die neue Stufe in der Evolution der EU lässt diesen Mythos hinter sich, vergräbt ihn oder lässt ihn verblassen. Denn über die Idee des freiwilligen, visionären Zusammenschlusses wird das Konstrukt der ewigen Rettung und einer alternativlosen Fiskalunion gestülpt, deren Kernfunktion es sein würde, Transfers zu organisieren und Wirtschaftspolitik zu koordinieren, damit Ungleichgewichte und ein erneuter Absturz vermieden werden.
Das alte Problem, dass Europa ein Projekt der Eliten ist, das auch gegen Widerstände von Bürgern durchgesetzt werden muss, wird ins Absurde gesteigert – weil es die Eliten nun in Teilen gegen ihren eigenen Widerstand oder gar Widerwillen durchsetzen müssen. Freiwillig gestaltet wird nicht, es ist eine Notgemeinschaft, getrieben von Panik und Angst, ihren Wohlstand zu verlieren. Dieser Wohlstand war neben dem Frieden das größte Versprechen der EU, er zog in den 90ern die Länder Osteuropas magisch an. Nun ist er bedroht.
In größter Sorge rufen deshalb alle: “Mehr Europa”, wir brauchen “mehr und nicht weniger”, weil “mehr” schon immer irgendwie besser war. Es ist ein Hilferuf. Weil das “Mehr” eben nicht von dem Friedens- und Wohlstandsgedanken getragen wird, sondern von einer quälenden Narration aus Bailouts, Hilfspaketen und Untergangsformeln leben muss. Mehr, sonst ist alles vorbei. Das ist ein kalter Krieg mit den Märkten.
Das alte Europa wurde gegründet, weil es seine Abgründe überwunden hat. Heute soll es gegründet werden, weil es am Abgrund steht.
Da hilft nur eine neue Sicht auf die Dinge, eine Umdeutung der Rettungsgeschichte: Wird Europa gerade kaputt gemacht, oder erleben wir nicht seit Monaten auch Sternstunden? Einen existenziellen Kampf, der bei allem Streit für undenkbare Zusammenarbeit gesorgt hat?
Dies klingt natürlich wie ein Widerspruch zu dem gerade Gesagten. Im Grunde aber wäre es ein Ausweg, Europa als pure Notgemeinschaft zu begreifen, die ihre Existenz in ständigen Rettungsaktionen gegen böse “Märkte” behaupten muss. Sehen wir es mal so: Diese ständigen Rettungsgipfel sind auch inspirierend. Die Nächte von Brüssel, wie vergangene Woche oder im Mai 2010, als der EU-Rettungsschirm ersonnen wurde, sind viel besser und kraftvoller als alles, was zuletzt in Nizza oder Lissabon unwillig beschlossen wurde. Das schweißt auch zusammen (also, ich wäre als britischer Premier etwas eifersüchtig, nie dabei zu sein).
Ständig wird Neuland betreten, die Bilder der Gipfel mit Merkel, Nicolas Sarkozy, Jean-Claude Juncker, Giorgos Papandreou und Jean-Claude Trichet werden einmal den gleichen ikonografischen Wert haben wie Helmut Kohl und François Mitterrand, die sich an den Händen halten. Im Überlebenskampf behauptet sich das Projekt, nicht im alten Frieden.
Zugegeben, dazu gehört noch ein wenig Mühe und Fantasie. Aber absurd ist es nicht. Per aspera ad astra. Durch das Schlechte zu den Sternen.

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