Rohstoff Spekulanten

Goldman Sachs hatte es geahnt: “Die Preise spiegeln nicht mehr länger Angebot und Nachfrage wider. Sie dürften in den nächsten drei bis sechs Monaten fallen, bevor sie sich wieder erholen”, schrieben Analysten der Investmentbank Mitte April. Dies berichtet das Handelsblatt online, hier ein Auszug: …

Genau so kam es: Silber büßte Anfang Mai in einer Woche mehr als ein Viertel seines Wertes ein. Der Preis für ein Fass Rohöl der Sorte Brent fiel in zwei Tagen von 125 auf 110 Dollar. Kursverluste gab es auch bei Industriemetallen und Agrarrohstoffen. Das alles passierte, ohne dass Anfang Mai etwas passiert wäre, was Angebot und Nachfrage nach Rohstoffen kräftig veränderte.

Wie kommt es zu solch starken, scheinbar unmotivierten Preisschwankungen? Ein Forscherteam um den Unctad-Chefvolkswirt Heiner Flassbeck ist dieser Frage in der Studie “Price formation in financialized commodity markets” nachgegangen.

Das Ergebnis bestätigt die Einschätzung von Goldman Sachs – Angebot und Nachfrage allein bestimmen nicht zuverlässig die Rohstoffpreise. Grundlage der Studie sind neben einer aufwendigen Datenanalyse Interviews mit knapp zwei Dutzend Akteuren an den Rohstoffmärkten. Für diese Experten besteht kein Zweifel: Finanzspekulation verstärkt die Preisschwankungen von Rohstoffen. Fundamental gerechtfertigte Aufwärtsbewegungen würden übersteigert – dadurch würden Rückgänge dann umso kräftiger ausfallen.

Möglich sei das, weil die Informationen über die tatsächlichen Angebots- und Nachfragebedingungen, zum Beispiel über die Lagerbestände, sehr unvollkommen sind, lautet ein Fazit der Studie. Noch intransparenter sei die Handelsaktivität der Investoren und Spekulanten, die viele Geschäfte außerbörslich abwickeln.
Kräftig waren die Preisschwankungen in der Tat. Der Rohölpreis, einer der weltweit wichtigsten Preise überhaupt, versechsfachte sich zwischen 2003 und 2008 von 25 Dollar auf knapp 150 Dollar, brach dann in sechs Monaten auf 40 Dollar ein und vervierfachte sich bis zum Frühjahr 2011 wieder.

In Rohstoffe fließt immer mehr Investorengeld

Die letzten zehn Jahre, in denen diese extremen Preisschwankungen stattfanden, waren auch die Jahre, in denen Rohstoffe als eigenständige Anlagekategorie für Investoren entdeckt wurden. Seither fließt von Jahr zu Jahr mehr Investorengeld in Rohstoffanlagen.

Das treibt die Preise nach oben und bewirkt, dass die Logik der Finanzmärkte Raum gewinnt. Früher analysierten Spezialisten für einzelne Rohstoffe die Angebots- und Nachfragebedingungen. Heute spielen Schwankungen in der Risikobereitschaft der Investoren und ihr Herdentrieb eine große Rolle für die Preise, heißt es in der Studie. Ein Indiz dafür: Die Preise von Rohstoffen, deren Angebots- und Nachfragebedingungen wenig miteinander zu tun haben, bewegen sich neuerdings zunehmend parallel.

All das hat erhebliche negative Folgen. “Notenbanken werden zu vorzeitigen Zinserhöhungen genötigt, die eventuell einen Aufschwung abwürgen”, heißt es in dem Unctad-Bericht. Zudem könnten sich Produzenten und Abnehmer die Absicherung über Terminmärkte nicht mehr leisten, weil die Preisschwankungen zu groß werden – und deshalb die Versicherungsprämien zu hoch sind.
Deshalb sei es dringend nötig, mehr Transparenz über die Marktbedingungen und die Aktivitäten der Spekulanten herzustellen. Außerdem könne es nicht schaden, über Gebühren oder eine Transaktionssteuer etwas Sand in das Getriebe der Spekulation zu werfen. Die große Ironie ist, dass die stärkere Spekulation Rohstoffe für Anleger weniger attraktiv macht. Denn die Zeiten, in denen sich die Preise von Öl und Co. relativ unabhängig von Anleihe- und Aktienkursen bewegten, sind zunehmend vorbei – immer weniger können Anleger mit Rohstoffen die Aufs- und Abs in ihrem Portfolio reduzieren. Patrick Artus, Chefvolkswirt der Investmentbank Natixis, hat festgestellt: “In den letzten Jahren war es für Investoren nicht mehr sinnvoll, Rohstoffe im Portfolio zu haben.”.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.