Vakzine im Verdacht

Schlagartig todmüde

Zwei Jahre nach der Grippe-Pandemie steht der Impfstoff Pandemrix im Verdacht, Schlafattacken auszulösen. Dies schreibt die ZEIT online in einem Artikel von Harro Albrecht & Sven Stockrahm am 15.8.2011, hier ein Auszug: …
Es war ein Sonntagabend im Januar 2010, als Christin Schneider* zusammensackte und die Treppe hinunterstürzte. Schon seit Wochen war die 17-Jährige auffallend müde und niedergeschlagen. Vielleicht lag es an den Wochenenden, an denen sie oft mit Freunden ausging? Doch es wurde schlimmer. Täglich bis zu zwanzigmal ging sie in die Knie. Die angehende Abiturientin, die in der Nähe von Koblenz lebt, veränderte sich: Sie schlief in der Schule ein und nahm zu. Die Ärzte waren ratlos.

Schon früh hegte Christins Mutter einen Verdacht: Könnte eine Impfung die Sturzattacken verursacht haben? Zwei Monate vorher, im Herbst 2009, war ihre Tochter gegen die grassierende Schweinegrippe mit Pandemrix geimpft worden. Die Vakzine war heftig umstritten, denn darin steckte der Zusatzstoff AS03, der die Impfwirkung verstärkte. Kritiker wie der Flensburger SPD-Politiker Wolfgang Wodarg bezeichneten den Impfstoff deshalb als »risikoreich«. In Deutschland war das Misstrauen gegen Pandemrix so groß, dass sich nur acht Prozent der Bevölkerung impfen ließen. Nun, zwei Jahre nach der Aktion, halten Experten es für möglich, dass die Skeptiker mit ihrer Warnung wenigstens zum Teil recht behalten.

Vorvergangene Woche empfahl die Europäische Arzneimittelbehörde EMA, Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren das Präparat Pandemrix nur noch in Ausnahmefällen zu verabreichen. Ihre Mahnung ist das Fazit einer monatelangen Diskussion unter Virologen, Epidemiologen, Neurologen und Schlafforschern.

Die Wissenschaftler diskutieren intensiv über eine mysteriöse Häufung einer sonst sehr seltenen Erkrankung, der Narkolepsie. Dabei setzt sporadisch die Schlaf-wach-Regulation im Gehirn aus. Die Betroffenen nicken mitten am Tag schlagartig ein, oder ihr Körper verliert sekunden- bis minutenlang jede Muskelspannung. Kataplexie heißt dieser quälende Zustand, bei dem das Gehirn wach bleibt. Normalerweise erkrankt in Europa jedes Jahr nur eines von 100.000 Kindern an diesem Syndrom, das den ganzen Alltag umwirft.

Waren neben der Impfung noch genetische Effekte im Spiel?

Auch Christin muss jetzt ständig Pausen einlegen, die Narkolepsie lässt sie nicht mehr durchschlafen. Die junge Frau kämpft gegen eine aufgezwungene Antriebslosigkeit. »Ich ärgere mich darüber, nicht fit zu sein«, sagt sie. »Nachts habe ich Albträume. Mein Körper kann nicht mehr unterscheiden, wann er müde ist und wann wach.«

Im Lauf des vergangenen Jahres hatten zuerst schwedische, dann finnische Ärzte bemerkt, dass die Zahl der Narkolepsie-Fälle sprunghaft angestiegen war. 2010 waren in Finnland doppelt so viele Kinder zwischen 5 und 20 Jahren erkrankt wie in den vier Vorjahren zusammen. Nie zuvor hatten Mediziner im Zusammenhang mit einer Impfung eine erhöhte Rate von Narkolepsie-Fällen beobachtet. »Wir waren extrem überrascht«, sagt Brigitte Keller-Stanislawski vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das in Deutschland für Sera und Impfstoffe zuständig ist.

Die Ärzte von Christin hielten die Ausfälle zunächst für psychisch bedingt. Nach unzähligen Zusammenbrüchen, Besuchen bei Neurologen, einer Psychotherapie und einer wochenlangen Kur kam im Spätsommer 2010 endlich die Diagnose. »Sie leidet an Narkolepsie«, sagte Christins behandelnder Neurologe, Ulf Kallweit von der Kamillus Klinik in Asbach. Er hielt einen Zusammenhang mit der Impfung für »sehr wahrscheinlich« – und meldete den Fall dem Paul-Ehrlich-Institut. Aber wie eindeutig ist die Verbindung wirklich?

Bis zum Februar dieses Jahres sah die EMA keinen Grund, sich zu sorgen. Ihre Warnung sprach sie erst aus, nachdem sich der Verdacht eines erhöhten Narkolepsie-Risikos in auch in Schweden erhärtet hatte. Das Narkolepsie-Risiko derjenigen Kinder, die mit Pandemrix geimpft worden waren, lag, verglichen mit den nicht Geimpften, in Schweden und Finnland sechs- bis dreizehnmal höher. Wahrscheinlich, so meinen die Experten der Arzneimittelbehörde, habe die Vakzine in Verbindung mit einem zusätzlichen, unbekannten Faktor diese Erkrankungen ausgelöst. Es ist schwer, den Nachweis zu führen, dass Pandemrix die Ursache war. »Man muss vorsichtig sein, vorschnell Schlüsse zu ziehen«, sagt Brigitte Keller-Stanislawski vom PEI. Der Produzent von Pandemrix, GlaxoSmithKline (GSK), verweist auf Interpretationsspielräume.

War vielleicht der Wirkverstärker AS03 schuld? Unbeabsichtigt hat international ein vergleichendes Experiment stattgefunden: Während die USA auf diesen Zusatz verzichteten, bekamen 31 Millionen Europäer Impfstoff mit Wirkverstärker. In den USA wurden bisher lediglich zwei Fälle von Narkolepsie bei Kindern aktenkundig, in Europa erhielt der Pandemrix-Produzent GlaxoSmithKline über 300 Meldungen. 70 Prozent davon tauchten allerdings merkwürdigerweise in Finnland und Schweden auf. Während in Finnland durchschnittlich acht und in Schweden fünf von 100.000 Kindern erkrankten, waren es bisher in Deutschland nur 1,5 bis zum Alter von 17 Jahren.

Laut Arzneimittelbehörde nutzt der Impfstoff mehr, als er schadet

Waren die Zahlen in diesen beiden Ländern künstlich nach oben geschnellt, weil Eltern und Ärzte, aufgeschreckt durch Medienberichte, bei auffälligen Kindern genauer hingeschaut hatten? Dagegen spricht, dass 79 von 81 Fällen in Schweden vor August 2010 gemeldet wurden, also ehe die ersten Medienberichte erschienen. Auch sonst führte bisher eine Spur nach der anderen ins Nichts.

Am vielversprechendsten ist die Gen-Theorie. Als gesichert gilt, dass die Narkolepsie eine Autoimmunkrankheit ist, die vor allem Menschen mit dem unaussprechlichen Gen HLA DQB1*0602 trifft. In ihren Gehirnen zerstören fehlerhafte und fehlgeleitete weiße Blutkörperchen jene Zellen, die mit sogenannten Hypokretinen den Schlaf-wach-Rhythmus regulieren. »Wir haben schon drei unterschiedliche Autoimmunmechanismen entdeckt, die daran beteiligt sind«, sagt Geert Mayer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin. Eine solche Selbstattacke könne durchaus von einer Impfung ausgelöst werden, bestätigt Reinhard Hohlfeld von der Forschungsgruppe Klinische Neuroimmunologie am Max-Planck-Institut für Neurobiologie. Sollte also Pandemrix in Skandinavien auf eine genetisch besonders empfindliche Bevölkerung getroffen sein? Doch dort kommt das HLA DQB1*0602 genauso oft vor wie in Deutschland: bei rund 30 Prozent der Bevölkerung.

Geert Mayer hält es dennoch für möglich, dass eine weitere, regionale genetische Besonderheit die Menschen sensibilisiert hat. Als ihr Immunsystem dann mit einem wirkverstärkten Impfstoff gereizt wurde, so Mayers These, kam es zur Narkolepsie. Wahrscheinlich ist auch Christin ein Opfer der Impfung: Sie trägt das fatale Gen, und bei ihr war die sekundenlange Muskelerschlaffung am Anfang besonders heftig. Jetzt erleidet sie deutlich weniger Attacken. »Das ist ungewöhnlich«, sagt Geert Mayer, »normalerweise nehmen Kataplexien nicht ab.«

Doch das sind alles nur Indizien, keine Beweise. Solange die Ergebnisse weiterer genetischer Untersuchungen am schwedischen Karolinska Institut und bessere epidemiologische Daten aus anderen europäischen Ländern ausstehen, bleibt die wichtigste Frage ungeklärt: War speziell Pandemrix der Auslöser der Narkolepsie? Sollte sich herausstellen, dass es einzig in Schweden und Finnland eine Häufung von Fällen gegeben hat, dann wäre die Narkolepsie die Folge eines schicksalhaften Zusammentreffens genetischer Besonderheiten mit einem starken Immunreiz, den auch jede andere Impfung hätte auslösen können. Wenn sich hingegen die Zahlen durch Nachmeldung europaweit angleichen, dann spricht das dafür, dass die Schlafattacken eine spezifische Nebenwirkung von Pandemrix gewesen sind.

Im Mai hat das PEI in Deutschland eine große Studie aufgelegt, geleitet von Geert Mayer. Der Neurologe will wissen, wie sich die Erkrankung in Deutschland verteilt und welche Unterschiede zwischen Gesunden und nicht Geimpften bestehen. Die Suche nach Probanden sei knifflig, sagt er, weil es in Deutschland anders als in Finnland kein umfassendes Krankenregister gebe. Von 332 Schlaf-Zentren in Deutschland haben bisher 76 ihre Teilnahme bestätigt.

Christin bekommt mittlerweile Medikamente, und sie hat die Zusammenbrüche weitgehend unter Kontrolle. Ob die Narkolepsie sie lebenslang begleiten wird, ist noch ungewiss. Starke Gefühlsregungen lösen noch immer die bedrohlichen Kataplexien aus: »Zweimal musste ich sie aus der Badewanne holen, das Wasser stand ihr schon bis unter das Kinn…«, sagt die Mutter. Sie macht den Behörden und dem Impfstoffhersteller Vorwürfe: »Die Impfung wurde von allen Seiten empfohlen, und dann bekommt man ein Mittel, das nicht richtig untersucht worden ist.«

Doch wahrscheinlich hätten auch intensivere Tests vor der Massenimpfung das Unglück nicht verhindern können. Dafür ist die Narkolepsie einfach zu selten, erst recht als Nebenwirkung. Bei GlaxoSmithKline sind bisher insgesamt 335 Fälle von Narkolepsie gemeldet worden – unter mehr als 31 Millionen Geimpften. Geert Mayer kann das Leiden der Betroffenen nachvollziehen, den ganzen Tag hat er mit Narkolepsie-Erkrankten zu tun. Trotzdem: »Ich denke, es wäre vollkommen falsch, irgendjemand zu verurteilen«, sagt er. »Medikamente haben Nebenwirkungen.« Man dürfe nicht vergessen, dass sehr viele Menschen von der Impfung profitiert hätten.

Wenn Impfskeptiker von »risikoreich« sprechen, behalten sie in gewissem Sinne immer recht. Es ist das ewige Dilemma von Impfungen: Man gibt Gesunden ein Medikament, das die meisten schützt und wenigen in extrem seltenen Fällen auch schadet. Im Schnitt erleiden 1,5 von einer Million Kindern und Jugendlichen nach einer normalen Influenza-Impfung einen allergischen Schock.

Die EMA resümiert, dass das Nutzen-Risiko-Verhältnis im Fall Pandemrix trotz allem positiv gewesen sei. Details will die Behörde allerdings noch nicht verraten. Ihre Daten darf sie erst veröffentlichen, wenn sie von der Europäischen Kommission freigegeben worden sind. Ende September ist es so weit. Für die kommende Grippesaison sind die Fragen und Erkenntnisse vermutlich bedeutungslos. Es gibt bereits einen Impfstoff ohne Wirkverstärker. Gesunde Kinder und Jugendliche sollten laut der Ständigen Impfkommission jetzt ohnehin nicht geimpft werden.

Für die wenigen, die es 2009 getroffen hat, ist das kaum ein Trost. »Natürlich denkt man: Warum ich? Die Wahrscheinlichkeit ist so gering«, sagt Christin. Doch die heute 19-Jährige will sich von der Narkolepsie nicht gefangen nehmen lassen. Sie hat ihr Abitur gut bestanden, trotz der Krankheit. Sie schmiedet Pläne und will studieren, vielleicht Psychologie. Und sie bewahrt sich ihre Hoffnung. »Ich würde gerne noch einmal einen Tag erleben, an dem ich so war wie früher«, sagt sie. »Wieder aus vollem Herzen lachen, ohne Angst haben zu müssen, dass ich gleich zusammenbreche.

* Name geändert

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