Ein seltenes Dreigestirn aus SPD, Grünen und FDP hat der Kanzlerin eine bitterböse Niederlage zugefügt. Um ihre Koalition zu retten, akzeptiert sie mit Joachim Gauck den Präsidentenbewerber, den sie nicht wollte.
ftd.de 20-2-2012 | Ein seltenes Dreigestirn aus SPD, Grünen und FDP hat der Kanzlerin eine bitterböse Niederlage zugefügt. Um ihre Koalition zu retten, akzeptiert sie mit Joachim Gauck den Präsidentenbewerber, den sie nicht wollte. von Thomas Schmoll
Überhaupt keine Frage: Angela Merkel konnte nicht wissen, dass sie mit Christian Wulff jemanden zum Bundespräsidenten machen würde, bei dem sich herausstellen sollte, dass er nicht über alle Zweifel erhaben ist. Der Makel, dass sie ihn allein aus Machtkalkül zum eigenen Vorteil ins Schloss Bellevue hievte, aber wird ewig an ihr haften. Kein Kanzler vor ihr hat getan, was sie getant hat: Das hohe Staatsamt politisch zu missbrauchen.
Wer dachte, Merkel würde nun alles daran setzen, dem Posten nach dem Drama um den uneinsichtigen Wulff nicht noch weiteren Schaden zuzufügen, sah sich am Sonntag getäuscht. Obwohl sie nach Wulffs Rücktritt versprach, einen Konsenskandidaten als Nachfolger zu suchen, schickte sie sich an, das hehre Versprechen zu brechen. Ihr Motto: Joachim Gauck – nein, danke.
Ausgerechnet eine ungewöhnliche, da sehr seltene Allianz aus den Oppositionsparteien SPD und Grüne sowie Merkels Koalitionspartner FDP schickte sich an, die Regierungschefin zu stoppen – und ihr damit eine der schwersten Niederlagen ihrer politischen Karriere zuzufügen. Das Dreigespann, wenn man so will, ein Triumvirat, zwang die Kanzlerin, dem Bewerber den Weg frei zu machen, den das Volk sich mehrheitlich wünschte. Gauck distanzierte alle seine Konkurrenten in Umfragen jeweils um Lichtjahre. Merkel wollte trotzdem Volkes Stimme ignorieren und stattdessen einen anderen Bewerber um Schloss Bellevue präsentieren.
Allerdings war die Regierungschefin schlicht nicht in der Lage, einen attraktiven Alternativkandidaten zu präsentieren. Entweder die Auserkorenen gaben ihr einen Korb wie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, und der Präsident des Bundestages, Norbert Lammert (CDU). Oder die FDP lehnte sie ab, weil die Personen für bestimmte Koalitionen stehen wie zum Beispiel die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), die seit 2006 die Stadt in einem Bündnis mit den Grünen regiert.
Es ist ein Armutszeugnis für Merkel, dass ihr angesehene Persönlichkeiten – auch aus den eigenen Reihen – nach kurzer Bedenkzeit absagten. Viel brisanter für sie aber ist das Aufbegehren der FDP, die der CDU-Vorsitzenden in der Sache die Gefolgschaft verweigerte und das Signal aussandte: Wir machen bei dem Hickhack nicht mehr mit, wir wollen Gauck, basta!
FDP setzte alles auf eine Karte
Die Liberalen hatten schlicht keine Lust mehr auf eine zähe und nervenaufreibende Kandidatensuche, die bei den Bürgern nur als das übliche poltische Geschacher rübergekommen wäre. Also schlug sich die FDP absolut unerwartet auf die Seite Gaucks und damit von SPD und Grünen. Nie zuvor in den zweieinhalb Jahren seit dem Start der schwarz-gelben Koalition brüskierten die Liberalen die Kanzlerin so sehr wie mit dieser Entscheidung.
Für ein paar Stunden stand der Koalitionsbruch im Raum.
Äußerungen aus der Unionsspitze lassen vermuten, dass Merkel glaubte, die FDP noch umstimmen zu können. Schließlich gilt ihr kleiner Koalitionspartner seit Jahren als die deutsche Umfallerpartei schlechthin. Doch diesmal blieben die Liberalen hart, was absolut richtig war. Einstimmig votierte die Führung für Gauck.
FDP-Chef Philipp Rösler, wahrlich kein abgebrühter Zocker, setzte alles auf eine Karte, zeigte ungewöhnliche Stehkraft und Härte – und triumphierte zum allerersten Mal über Merkel. Bei der Union hat er damit für Verbitterung gesorgt. Nach außen hin wird die große Einigung und Gemeinschaft gefeiert, im Inneren wird gemotzt.
Unionsfraktionsvize Michael Kretschmer spricht von einem “gewaltigen Vertrauensbruch” der FDP. Der “Leipziger Volkszeitung” sagte er: “Das Verhalten ist symptomatisch für den Zustand der FDP.” Dem ohnehin vor sich hin dümpelnden Bündnis wird dadurch noch mehr Lebenskraft verloren gehen. Die Koalition wird sich aus Angst vor Neuwahlen weiter durchwursteln und nichts zustande bringen.
Fraglich ist auch, ob Rösler seiner Partei mit seinem Anti-Merkel-Ausrutscher bei den anstehenden Landtagswahlen im Saarland und in Schlewsig-Holstein über die Fünf-Prozent-Hürde verhilft. Der Stammklientel, falls diese überhaupt noch existiert, dürfte egal sein, wer in Bellevue einzieht. Hauptsache, die Steuern werden gesenkt. Und das wird nicht passieren.
Bedrohung für Merkels Macht
Aber die FDP hat wenigstens mal wieder Mut bewiesen und gezeigt, dass sie lebt und nicht nur der stümperhaft agierende Mehrheitsbeschaffer Merkels ist, als der sie vielen gilt, sondern einen eigenen Willen hat. Immerhin: Während Merkel einem Kandidaten zustimmen musste, um ihre Koalition vor dem Aus zu bewahren, kann sich Rösler als Bundespräsidentenmacher fühlen.
Dass Merkel am Ende einknickte und Gauck zustimmte, wirkte auf den ersten Blick wie Kompromissbereitschaft. In Wahrheit hat die Kanzlerin nur gemerkt, dass ihr die Felle davonzuschwimmen drohten. Ihr Machtinstinkt funktioniert gerade dann, wenn es brenzlig wird. Insofern muss man Merkel bescheinigen, in einer mehr als verzwickten Lage das Beste für sich und die Union herausgeholt zu haben. Zumindest hat sie ihre Macht gesichert.
In jedem Fall war es ein Fehler zu versuchen, Gauck zu verhindern – gegen das klare Votum des Volkes, das sie schon bei der Wahl 2010 ignorierte, als sie Wulff durchsetzte. Merkel ist völlig zu Recht in Sorge, dass nun jeder erkennen wird, dass es schon damals ein Fehler war, dem früheren DDR-Bürgerrechtler den Weg ins Schloss Bellevue zu versperren. Nun müssen die Gesandten von CDU und CSU in der Bundesversammlung – auf Geheiß der Kanzlerin – den wählen, dem sie vor zwei Jahren – auf Geheiß der Kanzlerin – die Stimme verweigern sollten, damit Wulff das Rennen macht. Ob das an der Basis gut ankommt, darf bezweifelt werden.
Die Kanzlerin gestand denn auch ein, für Gauck “nach intensiven Überlegungen und Abwägungen” plädiert zu haben. Übersetzt heißt das: Merkel erkannte, dass es die FDP ernst meinte und ihre Macht damit bedroht war. Sie stellte also kurzerhand ihre Bedenken gegen Gauck zurück und pries ihn auf einmal an, als sei er schon immer ihr Vorschlag gewesen. Merkel nannte ihn einen “wahren Demokratielehrer”. Möge sie sich bitte, bitte den neuen Bundespräsidenten zum Vorbild nehmen. … ein Auszug aus einem Kommentar der FTD : http://bit.ly/wAirfK